Slow living routine – das richtige Tempo finden.

Es gibt Tage, an denen ich abends nicht sagen könnte, womit sie eigentlich vergangen sind. Nicht, weil zu wenig passiert wäre. Es war viel. Aber alles ist ineinander gelaufen, ohne Anfang und ohne Schluss.

Lange dachte ich, ich müsste langsamer werden.

Langsamer ist nicht die Antwort

Wenn dir jemand sagt, du sollst langsamer machen, denkst du wahrscheinlich das, was ich auch gedacht habe: Dann hätte ich das alles nicht geschafft.

Und das stimmt. Wer über Jahre Familie, Arbeit und eigene Projekte gleichzeitig gestemmt hat, war oft schnell, und das war richtig so.

Slow Living geht auf die Slow-Food-Bewegung zurück, die 1986 in Rom als Protest gegen eine McDonald’s-Eröffnung entstand. Carl Honoré übertrug den Gedanken später auf das Leben insgesamt. Und für das, worum es dabei geht, hat er sich einen Begriff aus der Musik geliehen: tempo giusto, das richtige Tempo.

Es ging also nie um Langsamkeit.

Dass er ausgerechnet bei der Musik gelandet ist, finde ich naheliegend. Ich mache seit vielen Jahren Musik, und dort steht überhaupt nicht zur Debatte, was wir uns im Alltag mühsam erklären müssen. Es gibt Abschnitte, es gibt Pausen, und jede Stelle hat ihr eigenes Tempo.

Jede Passage hat ihr eigenes Tempo

Kein Musikstück läuft von vorn bis hinten gleich schnell. Es besteht aus Passagen, und jede hat ihr eigenes Tempo. Eine schnelle Passage langsam zu spielen, macht sie nicht schöner. Sie verliert nur das, was sie ausmacht.

Dazu kommen zwei Dinge, die beim Spielen niemand infrage stellt. Die Pausen stehen mit im Notenbild, sie gehören zum Stück. Und man hört, wann eine Passage zu Ende ist, bevor die nächste anfängt. Es gibt einen Einsatz, und vorher gibt es einen Schluss.

Mein Arbeitstag hatte lange nur ein einziges Tempo. Die Mittagspause war fest, die ist ja auch gesetzlich vorgeschrieben. Aber Abschnitte, Einsätze, Schlusspunkte, das gab es nicht. Es lief einfach durch.

Nicht jede Arbeit braucht dasselbe Tempo

Inzwischen unterscheide ich zwei Sorten. Da ist die Arbeit, wegen der ich das Ganze überhaupt mache. Bei der vergeht die Zeit anders, es kann Abend werden und ich merke es kaum. Und da ist die Arbeit, die notwendig ist, damit die erste stattfinden kann. Sortieren, vorbereiten, Absprachen, Rechnungen.

Beide gleich zu behandeln, kostet Kraft. Deshalb frage ich mich zwischendurch: Was mache ich hier gerade eigentlich? Ist das der Teil, um den es mir geht, oder das, was drumherum erledigt werden muss?

Die zweite Sorte teile ich mir so klein ein, dass jeder Teil in einem Zug zu schaffen ist. Haken setzen, einmal durchatmen, weiter. Kleine Abschnitte, sichtbare Enden, dazwischen kurz Luft.

Das schreibe ich allerdings als jemand, der sich die Arbeit weitgehend selbst einteilen kann.

Vielleicht liest du das und denkst: In meiner Arbeit gibt es diesen ersten Teil gar nicht. Nichts davon fühlt sich an, als ginge es darum. Das kann sein. Und du musst ihn auch nicht dort hineindeuten, wo keiner ist.

Vielleicht bist du sogar deshalb hier. Weil du nicht nach einer besseren Tageseinteilung suchst, sondern nach einem Weg heraus. Das ist eine größere Frage, und sie lässt sich nicht nebenbei beantworten. Aber sie verdient es, ernst genommen zu werden, statt mit einer neuen Methode zugedeckt zu werden.

Bis dahin liegen die Passagen woanders. Im Feierabend, am Wochenende, in der Zeit, über die du tatsächlich selbst bestimmst. Es ist weniger Zeit, als man sich wünschen würde. Aber sie gehört dir.

Passagen zu Ende bringen

Du hast wahrscheinlich viel geschafft. Aber vieles davon ist nie richtig angekommen, weil schon das Nächste lief, während das Eine noch nachhallte.

Deshalb fühlt sich ein voller Tag am Abend leer an. Nicht weil nichts fertig wurde, sondern weil du nicht dabei warst, als es fertig wurde.

Eine Passage zu Ende zu bringen heißt nicht viel mehr als: den Stift hinlegen, sehen, was da liegt, einmal durchatmen. Erst danach das Nächste anfangen. Das kostet zwei Minuten und verändert, wie sich ein Tag anfühlt.

Der Rahmen

Damit das funktioniert, braucht der Tag ein Ende. Eine Uhrzeit, zu der normalerweise Schluss ist. Ohne dieses Ende gibt es keine Passagen, weil alles ineinander weiterläuft.

Wichtig ist, was dieses Ende nicht tut: Es sagt nicht, was du wann machst. Es sagt nur, wann Schluss ist.

An dieser Stelle kommt oft der Einwand: Bei mir geht das nicht, ich habe feste Termine. Ich sehe das inzwischen umgekehrt. Genau diese Termine sind der Rahmen, den man sich sonst mühsam selbst geben müsste. Sie sind nicht verhandelbar, und deshalb funktionieren sie. Ein selbst gesetztes Ende diskutiert man jeden Abend neu, einen Termin von außen nicht.

Dahinter steckt eine alte Beobachtung: Arbeit dehnt sich so weit aus, wie Zeit für sie zur Verfügung steht. Wer den ganzen Tag hat, braucht den ganzen Tag.

Slow Living heißt deshalb nicht zwangsläufig, dass man weniger schafft. Bei mir ist eher das Gegenteil passiert.

Wie das bei mir aussieht

Ich fange den Tag mit etwas Kleinem an. Ich habe ein Büchlein im Format A6, darin zeichne ich jeden Morgen. Kleine Figuren, manchmal Monsterchen. Das dauert ein paar Minuten, und danach ist die erste Sache des Tages fertig. Nebenbei entstehen dabei Ideen, die ich sonst nicht gehabt hätte.

Danach spiele ich ein paar Minuten Musik. Erst dann schaue ich, was der Tag braucht.

Dabei schaue ich zuerst auf die Art, nicht auf die Wichtigkeit. Was muss einfach erledigt werden, und was ist das, wofür ich das Ganze überhaupt mache?

Danach kommt die Frage, was dringend ist. Was heute raus muss, muss heute raus, daran führt nichts vorbei. Und dann schaue ich, wie sich der Rest sinnvoll aufbaut. Manches geht erst, wenn etwas anderes fertig ist.

Die Sachen, die einfach erledigt werden müssen, mache ich zügig und setze Haken. Und das geht mir leichter von der Hand, seit ich weiß, wofür ich sie mache. Jeder Haken bringt mich näher an den Teil, auf den ich mich freue. Das ist Motivation genug.

Am Ende klappe ich das Skizzenbuch zu und gehe raus, meistens zum See.

Was du dafür brauchst

Eine Uhrzeit, zu der normalerweise Schluss ist. Eine kurze Liste, damit nichts verloren geht. Und die Angewohnheit, kurz stehen zu bleiben, wenn etwas fertig ist.

Mehr ist nicht nötig. Keine App und kein Programm mit sieben Schritten.

Vielleicht merkst du beim Lesen aber, dass es bei dir gar nicht am Feierabend liegt. Sondern daran, dass zu vieles gleichzeitig offen ist und du nicht sagen könntest, was davon eigentlich noch zu dir gehört.

Dann brauchst du keinen neuen Plan. Eher einen ruhigen Moment und ein paar gute Fragen. Dafür habe ich mein kostenloses Workbook gemacht.

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Häufige Fragen zu Slow Living

Was bedeutet Slow Living im Alltag?
Nicht langsamer arbeiten, sondern für jede Sache das passende Tempo wählen. Manches zügig erledigen, anderes auskosten. Und dazwischen merken, wann etwas fertig ist.

Ist Slow Living nicht einfach Aufschieben?
Nur wenn der Rahmen fehlt. Wer ein festes Ende hat und weiß, was ansteht, schiebt nicht auf, sondern sortiert.

Ist Slow Living dasselbe wie Minimalismus?
Verwandt, aber nicht dasselbe. Slow Living betrifft die Zeit, Minimalismus das, was da ist. Beide arbeiten mit derselben Idee: Weniger ist nicht Verzicht, sondern Auswahl.

Am Ende bleibt ein Satz

Ich habe lange geglaubt, ich müsste besser werden im Einteilen.

Es hat gereicht, den Tag zu behandeln wie ein Musikstück. Mit Passagen, die ihr eigenes Tempo haben. Mit Pausen, die dazugehören. Und mit Stellen, an denen etwas zu Ende ist, bevor das Nächste anfängt.

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